Veröffentlichung in der UNI-SPEZIAL der "Versicherungswirtschaft"

Die Frage, ob Karriere planbar ist, beschäftigt viele junge Menschen während ihres Studiums im Versicherungsumfeld. Bei der Betrachtung erfolgreicher Manager-Biografien finden sich auch gewisse Schemata wieder, die durchaus eine wichtige Orientierungshilfe sein können. Das soll aber nicht den Blick für ungeplante Karrieren verschließen, die auf sich verändernden Marktumfeldern, Zufällen oder auch Glück beruhen können. Von Christian Schüssler, Leiter Branchenteam Versicherungen & Partner im ifp

Das Studium

Eine wesentliche Basis für den beruflichen Erfolg bildet der erfolgreiche Abschluss eines Studiums. Absolventen, die Karrierepläne haben, die über das mittlere Management hinaus gehen, sind mit einem Master-Abschluss besser beraten, als die, die sich auf den Bachelor beschränken. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, für sich zu reflektieren, wie ausgeprägt sind eigentlich meine Karrierewünsche. Beruflicher Aufstieg bedingt zwar soziale Anerkennung oder ein höheres Gehalt, gleichzeitig aber auch Verzicht. Verzicht auf Freizeit, Hobbys sowie Zeit für die Familie und Freunde. Schon früh im Studium empfiehlt sich die Auseinandersetzung mit den Fragen, wo liegen meine fachlichen Interessen? Welche Absolventen werden am Markt gesucht? Wie sieht möglicherweise meine Konkurrenzsituation nach Abschluss des Studiums aus? Ein wesentlicher Treiber für beruflichen Erfolg ist der Spaß an dem, was man macht. Deshalb ist besonderes Augenmerk auf die Fächerkombination zu legen. Dies darf aber nicht dazu führen, das Umfeld außer Acht zu lassen. Habe ich besonderes Interesse an Marketing, werde ich hier im Zweifel mit mehr Absolventen beim Berufseinstieg in Konkurrenz stehen, als bei der Entscheidung für versicherungsmathematische Themen oder dem Risikomanagement. Hinzu kommt, dass gerade bei Marketing und Personal das Einfallstor versicherungsfremder Studiengänge besonders groß ist. Die richtige Fächerkombination hat eine deutlich strategische Komponente auch dahingehend, dass Marktentwicklungen zu antizipieren und einzuschätzen sind. Wie sehen die Versicherungsmärkte der Zukunft aus und welche Mitarbeiter-Skills werden hierzu besonders benötigt? Rein praktisch hat die Auswahl von Fächern auch eine Bedeutung für Studierende einer technischen oder Fachhochschule, wenn sie nach dem Bachelor-Studiengang den Wechsel an eine Universität erstreben.

Der Berufseinstieg

Bereits während der ersten Semester muss sich der Studierende auch Gedanken darüber machen, wie er seine Berufseinstiegschancen unabhängig von der Fächerkombination verbessern kann. Durch die deutliche Zunahme von Studierenden und Absolventen wird der Berufseinstieg nicht leichter. Absolventen von dualen Studiengängen können dies im Zweifel entspannter sehen. Aber auch für die „normalen“ Absolventen gibt es Möglichkeiten der Differenzierung; und nicht nur dies, sondern damit auch die Chance, persönliche Interessen und Stärken besser auszuloten. Hierzu bieten sich Praktika, Teilzeit- und Semesterferienjobs bei möglichst unterschiedlichen Gesellschaften und in differenzierenden Fachbereichen an. Wer darüber hinaus mit anderen Aktivitäten punkten kann, hat besonders gute Chancen. Diese müssen nicht auf fachliche Komponenten beschränkt sein, sondern können beispielsweise durch soziales Engagement, Ehrenämter, Auslandsaufenthalte oder Sonstiges erworben worden sein. Wichtig ist letztlich, Interesse bei den Entscheidungsträgern an seiner Person zu wecken. Nicht unerwähnt bleiben darf in diesem Zusammenhang natürlich ein guter Notendurchschnitt beim Abschluss des Studiums. Dieser ist besonders wichtig, wenn der häufig karrierefördernde Berufseinstieg bei einer namhaften Unternehmensberatung geplant ist. Ob für die berufliche Karriere der Direkteinstieg oder ein Trainee-Programm besser ist, ist eher unerheblich. Für Studienabgänger, die noch Orientierung für die Schwerpunktlegung ihres beruflichen Wirkens benötigen, empfiehlt sich ein Trainee-Programm möglichst im Bereich der Nachwuchsführungskräfte. Die anderen sind beim Direkteinstieg gut aufgehoben und können ab dem ersten Tag an ihrer Karriere arbeiten und somit einen Zeitvorteil nutzen. Besonders interessant ist der Einstieg als Vorstandsassistent. Eine Möglichkeit, die sich häufiger aber erst nach den ersten zwei bis drei Berufsjahren ergibt. Größere Unternehmen bieten in der Regel differenzierte Einstiegsprogramme an. Gleichwohl sollten mittlere und kleinere Unternehmen nicht außer Acht gelassen werden, die ebenfalls gute Karrieremöglichkeiten bieten und bei denen die Konkurrenzsituation nicht ganz so angespannt ist. Die grundsätzliche Entscheidung für einen Großkonzern oder ein kleineres Unternehmen hängt von der persönlichen Präferenz ab. Der Charme der „Mittelständler“ liegt in der Regel in den breiteren Arbeitsbereichen, die die mittel- und langfristigen Karrieremöglichkeiten erhöhen können. Internationalität und hohe Spezialisierung finden sich eher in Großkonzernen. In der Tendenz kann gesagt werden, dass der Wechsel auf eine höhere Karrierestufe von einem größeren Unternehmen kommend zu einem mittelgroßen Unternehmen leichter ist als umgekehrt.

Die ersten Berufsjahre

In der ersten Funktion in einem Unternehmen gilt es, sich seine Sporen zu verdienen. Das heißt, Fach-Know-how aufzubauen und persönlich zu überzeugen. Die Erwartungen der Organisation und der Vorgesetzten sind möglichst überzuerfüllen. Letztlich sucht der Vorgesetzte einen Problemlöser und Arbeitsentlaster, der durch innovative Impulse auffällt. Dabei spielen Gewissenhaftigkeit, Sorgfalt und insbesondere Fleiß eine besondere Bedeutung. Mitarbeiter, die nur ihre Hobbies im Hinterkopf haben und täglich das Haus nach der Regelarbeitszeit verlassen, werden es hierbei sicherlich schwerer haben. Dabei kommt es weniger auf den Aufbau von Überstunden an, als auf die Flexibilität und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Letztlich suchen Vorgesetzte Verlässlichkeit, um den Anforderungen an Arbeitsquantität und -qualität gerecht werden zu können. Dass hierbei die Fachlichkeit einen hohen Stellenwert hat, ist unumstritten. Mindestens genauso wichtig ist aber auch die Persönlichkeit. Menschen mit einem guten Auftreten und guter kommunikative Kompetenz werden immer Vorteile im beruflichen Karrierestreben haben. Offenheit, Charisma, gutes optisches Erscheinungsbild, Kontaktfähigkeit, Kooperationsbereitschaft, der respektvolle Umgang mit Anderen, Überzeugungskraft, Klarheit sowie ein gutes Ausdrucksvermögen werden verlangt. Darüber hinaus bedarf es einer hohen sozialen Kompetenz, aus der eine künftige Führungsfähigkeit abgeleitet werden kann. Dahinter verbergen sich Eigenschaften wie Team-, Beziehungs- und Anpassungsfähigkeit, aber auch Skills wie Empathie, Umgang mit Diversität und Selbstreflexion. Abgerundet wird die soziale Kompetenz durch ein gekonntes Konfliktmanagement. Das heißt, Bereitschaft in Konflikte zu gehen, Verhandlungsgeschick zu beweisen, sich durchzusetzen und mit Souveränität schwierige Situationen zu meistern. Die beste Möglichkeit, um mit diesen Stärken auf sich Aufmerksam zu machen, ist neben der Tagesarbeit die Übernahme von Sonderaufgaben und Projekten. Unterstützt durch Schulungen, Führungsnachwuchskräfteseminaren und Mentoren dürften die ersten Führungsaufgaben nicht mehr lange auf sich warten lassen.

Die erste Führungsaufgabe

Erst einmal angekommen in der Führungsfunktion heißt es, sich zu etablieren und Führungskompetenz zu beweisen. Es gilt steuernd und richtungsweisend auf das Handeln von sich selbst und anderen einzuwirken, um die Verwirklichung gesetzter Ziele zu erreichen. Mitarbeiter müssen motiviert, unterstützt und weiterentwickelt werden, was am ehesten durch Delegation, Fairness und Wertschätzung gelingt. Darüber hinaus muss das Team gesteuert werden. Als Vorbild werden Ressourcen gemanagt, Ziele gesetzt, Prozesse und Ergebnisse kontrolliert. Durch Transparenz und das Treffen klarer Entscheidungen wird die Führungskraft zu einem guten Arbeitsklima und guten Ergebnissen beitragen, was sie wiederum für weitergehende Aufgaben im Unternehmen interessant macht.

Der weitere Aufstieg

Für höhere Weihen werden sich diejenigen besser in Stellung bringen können, die auf dieser Basis tragfähige Netzwerke und Beziehungen im Unternehmen aufbauen. Auch hier ist die Übernahme von Projekten und Sonderaufgaben besonders geeignet. Nicht nur der eigene Chef soll einen entdecken, sondern auch dessen Vorgesetzter oder die aus anderen Bereichen. Im Rahmen der angesprochenen Persönlichkeitsmerkmale kommt es zunehmend auf Haltung, Positionierungsfähigkeit, Innovationskraft und Veränderungsbereitschaft an. Der Wechsel in einen anderen Fachbereich kann die eigene Karriere befeuern. Der Spezialist beweist General Manager-Qualitäten und stellt so seine Karrieremöglichkeit auf breitere Beine. Die Weiterentwicklungsmöglichkeiten in der eigenen Organisation können aber an ihre Grenzen stoßen. Es müssen Vakanzen vorhanden sein und mit dem notwendigen Know-how muss man auch das Glück des Tüchtigen haben. Um hier nicht eingeschränkt zu werden, bedarf es des Ausbaus externer Netzwerke. Ideal eignen sich die unternehmensübergreifende Gremienarbeit, das Schreiben und Veröffentlichen von Fachartikeln oder das Halten von Vorträgen auf unterschiedlichen Veranstaltungen. Auch die Pflege von Kontakten zu Personalberatern können die berufliche Karriere deutliche fördern. Vakanzen werden so erst transparent oder eine Platzierung kann erfolgen. Vorteilhaft für die Karriere ist es, den Kontakt nicht erst zu knüpfen, wenn man sich eine neue Position suchen muss. Dies drängt einen bei der beruflichen Weiterentwicklung eher in die Defensive.

Der Quereinstieg

Nun ist die Versicherungsbranche sicherlich kein in sich geschlossener Kreislauf. Entsprechend haben auch Spezialisten und Führungskräfte aus anderen Wirtschaftszweigen Entwicklungsmöglichkeiten. Der Quereinstieg findet sich in Zeiten der Digitalisierung, des enormen Kostendrucks und bei der Suche nach neuen Geschäftsmodellen immer häufiger. Die Branche verspricht sich hierdurch neue Impulse aus Wirtschaftszweigen, die in Transformationsprozessen schon wesentlich weiter und innovativer sind. Betroffen sind hiervon weniger originäre Versicherungsfunktionen als vielmehr Bereiche wie Prozesse, Marketing, Personal, Kapitalanlagen und Informationstechnologie.

Veröffentlichung Oktober 2017:

UNI-SPEZIAL 2017, Beilage der Oktober-Ausgabe der "Versicherungswirtschaft"